Frauenspezifische Suchttherapie
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Einen entscheidenden Anteil an der persönlichen Identität bildet die geschlechtsspezifische Rolle, die wir in unserer Gesellschaft einnehmen. Wie jede andere persönliche Leidensgeschichte einer Frau ist auch die Entwicklung hin zur Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit im Ganzen nur zu verstehen, wenn wir die Rolle der Frau in einer überwiegend von Männern geprägten Gesellschaft betrachten. So wird in der Regel die Entwicklung des Mädchens/ der Frau z.B. stärker geprägt sein von der Erfahrung der Anpassung und der Abhängigkeit in Beziehungen, einer intensiveren Bindung an die Familie, einer geringeren Chancengleichheit in Bezug auf den Besuch weiterführender Schulen und die Ausbildung zu einem Beruf u.a. Nicht selten machen Frauen schon sehr früh Erfahrungen mit männlicher Unterdrückung und sexuellem Missbrauch. Anders als Männer sind viele unserer Klientinnen oft über eine lange Zeit einer Mehrfachbelastung ausgesetzt: Sie sind gleichzeitig berufstätig, führen den Haushalt alleine und ziehen Kinder groß. Oft versorgen sie auch noch hilfsbedürftige Angehörige.

Für unsere therapeutische Arbeit ist ein intensiveres Eingehen auf diese Vorbedingungen unerlässlich. Die Einzel- und Gruppentherapie beschäftigt sich mit Problemen in Partnerschaft und im Beruf der Frau. Dabei werden gemeinsam mit der Klientin realisierbare Veränderungsmöglichkeiten ausgearbeitet. Wir wollen die Frauen dabei unterstützen, eigene Bedürfnisse (wieder) zu entdecken, sich mit ihren Partnern und der Familie auseinanderzusetzen, sich wechselseitig und solidarisch zu stützen und wirtschaftliche Abhängigkeiten zu überwinden. In der themenzentrierten Arbeit, in Indikations- und Sondergruppen und in der Sport- und Bewegungstherapie werden deshalb immer wieder frauenspezifische Themen aufgegriffen und erarbeitet. Bei Erfahrungstagen, Wochenendheimfahrten und Besuchen besteht Gelegenheit, die ersten Schritte in ein selbständigeres Leben zu erproben.

Für das Team besteht eine besondere Verpflichtung darin, die Strukturen in der Klinik und den Umgang miteinander auf Rollenklischees hin zu hinterfragen und zu einer emanzipatorischen Gemeinschaft heranzuwachsen.