Stärken betonen

Suchterkrankungen betreffen den ganzen Menschen und beeinträchtigen ihn körperlich, seelisch und geistig. Da Alkoholismus und Medikamentenabhängigkeit nicht "heilbar" sind, geht es darum, in dauerhafter Abstinenz damit leben zu können. Dabei bleiben das Suchtmittel und die damit verbundenen Erlebens- und Verhaltensweisen wichtige Faktoren im Leben der Abhängigen, die es immer wieder zu beobachten gilt, um einem möglichen Rückfall vorzubeugen.

Im Zusammenhang mit der Sucht steht immer auch eine Störung der Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt. Die Wirkung des Suchtmittels soll dabei die vorhandenen Probleme leichter erträglich machen und schmerzliche Gefühle betäuben, aber auch den Ausdruck von Emotionen (z.B. Aggression, Kontaktwünsche) erleichtern und über innere Leere und Beziehungsschwierigkeiten hinwegtäuschen. Die Suchterkrankung geht einher mit starken Abhängigkeitsgefühlen gegenüber nahestehenden Personen wie der gesamten Lebenssituation; die Süchtige erlebt sich als ohnmächtig, durch eigene Aktivität verändernd zu wirken. Oft sieht sie im Gebrauch von Suchtmitteln die einzige Möglichkeit, ihre Umgebung zu beeinflussen, um so die Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie sich wünscht. Auf diese Weise wird häufig der Versuch einer Selbstheilung mit falschen Mitteln unternommen. Langfristig verstärkt der Gebrauch von Suchtmitteln jedoch vorhandene Probleme und schafft zusätzlich neue, womit letztlich ein Weg der Selbstzerstörung beschritten wird. Die Entstehung und der Verlauf individuellen Suchtverhaltens werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Das sind vor allem

  • die psychische Struktur der Süchtigen, die vor allem durch frühe Sozialisationserfahrungen geprägt ist (z.B. Trennung oder Verlust von Bezugspersonen, Mangel an emotionaler Zuwendung, Überbehütung, Gewalterlebnisse, Überforderung, Alkoholismus der Eltern, Benachteiligung gegenüber Geschwistern, Missachtung der kindlichen Bedürfnisse nach Anerkennung und Geborgenheit),
  • das psychosoziale System, in dem die Süchtige momentan lebt (schwierige Partnerbe- ziehungen und Familienstrukturen, Co-Abhängigkeit, häufiger Alkoholkonsum in der Familie und Freundeskreis u.a.) und
  • die ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen (Arbeitsplatz, finanzielle Situation, Wohnung, Freizeitgestaltung usw.)

Auch gesamtgesellschaftliche Bedingungen und Wertvorstellungen (wie z. B. die wachsende Entfremdung vom eigenen Selbst, die allgemeine Konsumhaltung, die Vorstellung unbegrenzter Wachstumsmöglichkeiten, das Leistungs- und Prestigedenken, die positive Einschätzung des Alkohol- und Medikamentengebrauchs) begünstigen wesentlich die Entstehung von Suchterkrankungen und werden in unserer Arbeit thematisiert. Hauptsächlich ist unsere Therapie jedoch darauf ausgerichtet, die einzelne Klientin zu mehr Selbstverantwortung und zum bewussten Gestalten ihrer persönlichen Lebensbedingungen hinzuführen.

Wir sehen in der Suchterkrankung eine Chance zur Veränderung, da die Abhängige durch ihre seelische Not dazu angeregt wird, ihr bisheriges Leben zu überdenken und neue Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Auf der Grundlage der Humanistischen Psychologie wird in Legau ein verständnisvoller und wertschätzender Umgang mit den Klientinnen gepflegt. Der Blick richtet sich nicht ausschließlich auf die Defizite, sondern auch auf die individuellen Stärken und Fähigkeiten, die es auszubauen gilt.